Lockdown: Wie groß wird der Schaden für die Gesellschaft?

Ein Zwischenruf von Tim Oberstebrink (FCSI-Mitglied & Euro-Toques Chef)

Lockdown: Wie groß wird der Schaden für die Gesellschaft?
FSE-News Herausgeber Tim Oberstebrink (FCSI)

Dass der erste Lockdown verheerende Auswirkungen auf das Gastgewerbe und dessen Lieferanten-Umfeld hatte, ist unbestritten. Auch wenn die Durchschnittswerte beim Umsatzrückgang auf knapp 30% beziffert werden, spiegelt dies in keiner Weise die Realität wider. Viele Betriebe hatten 100% Umsatzrückgang – und bleiben nun geschlossen.

Ende April diesen Jahres warnte ich davor, den Betrieb wieder zu öffnen, ohne dies genau durchgerechnet zu haben. Viele Kollegen öffneten ihren Betrieb allein schon deswegen wieder, um “etwas zu tun zu haben”, und zwar ungeachtet der kaufmännischen Überlegungen. Andere öffneten wieder, um ihrem Dorf oder Stadtviertel wieder die gewohnte Stätte der Begegnung zu bieten. Tragfähige Hygienekonzepte waren und sind das Gebot der Stunde.

Nun steht wohl ein weiterer Lockdown für unsere Branche ins Haus. Die Nachrichtenblätter und -seiten vermelden, dass es wohl ein Lockdown “light” werden soll. Konkret heißt dies: Nur das Gastgewerbe wird wohl Opfer des Lockdowns werden, sollten es Kanzleramt und Länderchefs am morgigen Mittwoch so beschließen.

Natürlich – die steigenden Infektionszahlen sind alarmierend und, wie im Frühjahr auch, soll das Gesundheitssystem nicht überlastet werden. Persönlich stelle ich mir allerdings die Frage: “Wie wichtig ist uns der Zusammenhalt der Gesellschaft?”.

Nicht erst seitdem das IW-Institut in einer vom DEHOGA beauftragten Studie bestätigte, dass unserer Branche von der Bevölkerung eine erhebliche Bedeutung für die Stabilität der Gesellschaft beigemessen wird, wissen wir: Das Sich-Treffen, das Miteinander reden, das Austauschen von Neuigkeiten, das Informelle und Persönliche – all das sind Dinge, für die eine Facebook- oder WhatsApp-Gruppe kein Ersatz sein können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht die sozialen Bindungen. Vielerorts hat der Freundes- und Bekanntenkreis mittlerweile eine größere Bedeutung als die eigene Familie. Und das lässt sich der Mensch nicht nehmen. Ohne dafür geeignete Orte wird man sich noch häufiger im privaten Bereich treffen.

Wenn es stimmt, was RKI-Präsident Wieler vor einigen Tagen berichtete, nämlich dass die eigentliche Gefahr für die Corona-Eindämmung von Zusammenkünften im privaten Bereich ausgeht, dann sollte es doch besser sein, eine mit Hygiene- und Infektionsschutz-Maßnahmen vertraute Branche als Bühne für private Treffen bereit zu halten.

Die AHA+L Regeln lassen sich am besten dann einhalten, wenn man auch durch das Umfeld laufend daran erinnert wird. Im privaten Wohnzimmer werden diese Regeln häufig mit fortgeschrittener Dauer der Veranstaltung über den Haufen geworfen. In der Gastro gibt es ein Benimm-Korrektiv. Schon deswegen, weil man eben nicht “unter sich” ist und ergo sich auch unter Beobachtung fühlt, wenn man die Rücksichtnahme vergessen hat.

Kurz gesagt: Ein Restaurant oder Außenterrasse, auf der unter Einhaltung von Hygieneschutzmaßnahmen die Gäste sitzen, essen, lachen und trinken, ist allemal sicherer als wenn ein Lieferdienst 10 oder 15 Nudel- oder sonstige Speisen an dieselbe Adresse liefert. Und noch sicherer, als wenn plötzlich 3 oder 4 Menschen aus unterschiedlichen Haushalten in derselben Küche stehen, um ihre Familien zu bekochen.

Richtig ist, die Möglichkeiten zur Krankheitsübertragung einzuschränken. Falsch ist, dafür die Stätten zu schließen, die die Lehren aus der ersten Welle gezogen haben und mit Hygienemaßnahmen Vorbilder geworden sind. Denn wo es keine Gastronomie gibt, droht die Gesellschaft auseinander zu brechen. Die Folgen sind nicht kalkulierbar und meines Erachtens ein ebenso großes Risiko für die Volkswirtschaft wie ein überlastetes Gesundheitswesen.