Digitalisierung am Gast – Segen oder Fluch?

Median-Partner | Intergastra 2018

Digitalisierung am Gast - Segen oder Fluch?
Jürgen Kirchherr, DEHOGA Baden-Württemberg

Herausforderungen in der Umsetzung digitaler Lösungen für die gastgebende Branche / Nicht nur Chefsache

„Eine der größten Herausforderungen bei der Digitalisierung? Die Mitarbeiter und Betriebe mitnehmen und die Prozesse für alle greifbar machen“, erklärt Jürgen Kirchherr, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenerbandes DEHOGA Baden-Württemberg. Auf dem Intergastra Round Table Medientag, der dieses Jahr zum zweiten Mal in Stuttgart stattfand und in dessen Rahmen Branchenexperten aus Hotellerie, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung auf verschiedene Fachjournalisten trafen, war Prozessoptimierung durch Digitalisierung eines von fünf intensiv diskutierten Themenfeldern.

Das Thema Digitalisierung ist so aktuell wie nie – das gilt für Gastronomie und Hotellerie ebenso wie für andere Industrien. Schließlich sollen Potenziale ausgeschöpft und Herausforderungen der heutigen Zeit bestmöglich gemeistert werden. Doch was genau heißt eigentlich Digitalisierung in der gastgebenden Branche, und wie lassen sich digitale Lösungen so implementieren, dass nicht nur der Chef, sondern auch die Mitarbeiter dahinterstehen?

Der zentrale Faktor Mensch

Für viele ist Digitalisierung noch immer gleich Rationalisierung. Hören sie, dass in ihrem Betrieb stärker in digitale Lösungen investiert werden soll, geht oft die Angst um, den Arbeitsplatz zu verlieren. Dabei bietet Digitalisierung gerade in Zeiten des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels viele Chancen und maßgeschneiderte Lösungen, um betriebliche Prozesse in Gastronomie und Hotellerie zu optimieren. „Für mich ist Digitalisierung überhaupt nicht gleichgesetzt mit Automatisierung oder Rationalisierung“, erklärt Andreas Müller, der sich seit mehr als 15 Jahren als Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Adler am Schloss mit hochwertigem Eventcatering und Speisewerk der Digitalisierung verschrieben hat. „Es geht vielmehr darum, Fachkräfte zu entlasten, damit sie sich wieder stärker auf ihre eigentlichen Tätigkeiten konzentrieren können.“ So führt beispielsweise eine automatisierte Temperaturkontrolle in Kühlräumen dazu, dass Köche wieder mehr Zeit haben, kreativ am Herd zu sein.

Doch wie lassen sich Prozesse so umsetzen, dass niemand um seinen Job fürchtet? Ein ganz zentraler Punkt: Mitarbeiter müssen an die Hand genommen und die Vorteile der Digitalisierung erklärt werden. „Das gilt besonders für die Generationen, die keine Digital Natives sind und eventuell gewisse Vorbehalte oder Ängste dem Thema gegenüber haben“, erklärt Jürgen Kirchherr. „Unternehmen sollten mit Projekten starten, bei denen die Mitarbeiter den Nutzen ganz klar erkennen“, ergänzt Andreas Müller. Ein langsamer Gewöhnungsprozess und ein Mitbestimmungsrecht der Mitarbeiter sind die Zutaten für eine erfolgreiche Implementierung digitaler Konzepte. Ist erstmal ein gemeinsames Level der Akzeptanz erreicht, können die Systeme entsprechend der aktuellen Bedürfnisse angepasst werden. „Meine Mitarbeiter entwickeln das Thema Digitalisierung laufend mit mir gemeinsam weiter, so sind alle aktiv eingebunden. Wir sind ständig im Austausch, wie man Bereiche optimieren, weiterentwickeln und verknüpfen kann“, so Müller.

Digitalisierung am Gast - Segen oder Fluch?
Markus Tischberger, Projektleiter INTERGASTRA

Richtige Information durch Messen, Verbände und Medien

Viele Gastronomen und Hoteliers tun sich bei der langfristigen Investition in und Umsetzung von Digitalisierung schwer. „Die häufigsten Probleme sind die Verunsicherung durch die sich stetig verändernde Rechtslage, die Investitionsunsicherheit, Manipulation und Datenmissbrauch und die meist wenig individuelle und oft undurchsichtige Anbietersituation“, sagt Jürgen Kirchherr. Es herrscht großer Erklärungsbedarf rund um die verschiedenen Möglichkeiten des vielschichtigen Themas Digitalisierung. „Viele Unternehmen sind permanent auf der Suche nach dem perfekten und individuellen Tool, haben jedoch Probleme, sich bei der Angebotsüberflutung von Nischenprodukten einen Überblick zu verschaffen“, erklärt Andreas Müller. Hier sind Verbände, Fachmedien und Messen wie die Intergastra gleichermaßen gefragt, um die Betriebe mit den relevanten Informationen zu versorgen. „Es geht darum, Netzwerkplattformen zu schaffen und Anwendungsbeispiele aus der Praxis zu präsentieren. Gerade für junge Start-Ups aus der digitalen Branche bietet die Intergastra eine schöne Gelegenheit, sich zu präsentieren“, so Markus Tischberger, Projektleiter der Intergastra. Für Andreas Müller dient die Intergastra vor allem als Plattform und Katalysator, in deren Rahmen sich Anbieter vorstellen, man Neuigkeiten auf dem Markt kennenlernt und Gelegenheit hat, Erfahrungen auszutauschen.

Auch Verbände sind eine verlässliche Informationsquelle für Unternehmen, die planen, in digitale Lösungen zu investieren. „Ich hole mir gerne alle Infos vom Markt, aber den letzten Segen lieber von Kollegen“, so Müller. „Daher sehe ich auch die Verbände in der Pflicht, über Angebote zu informieren und durch Best-Practice-Beispiele zu helfen.“ Der Dehoga bietet an, die digitalen Wege in Betrieben zu begleiten und hat im Rahmen des Projekts „Gastfreundschaft digital“ einen Leitfaden für Digitalisierung entwickelt. „Ein Digitallotse kommt in den Betrieb und setzt genau dort an, wo der Betrieb aktuell steht. Das Projekt gibt also Starthilfe im Bereich Digitalisierung und zeigt Verbesserungsmöglichkeiten und Lösungen auf“, erklärt Daniel Ohl vom Dehoga.

Digitalisierung am Gast - Segen oder Fluch?
Andreas Müller, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Adler am Schloss

Individuelle Lösungen für die Digitalisierung am Gast

Das Ziel von Digitalisierung ist es, die richtigen Werkzeuge für individuelle Bedürfnisse zu finden. „Jeder Unternehmer muss sich anschauen, was zu seinem Betrieb passt, und sich mit verschiedenen Fragen befassen. Beispielsweise: Wo steckt die meiste Arbeitszeit drin und wie kann ich sie mit Hilfe digitaler Ansätze verringern?“, erklärt Andreas Müller. Durch die Nähe zum Gast unterscheidet sich die Digitalisierung in Gastronomie und Hotellerie von anderen Branchen. Bei der Umsetzung ist hier besonders wichtig, wie das Resultat vom Gast angenommen wird. „Nicht immer ist gut gedacht auch gut gemacht, und mit nicht funktionierenden digitalen Lösungen verprellt man schlechtestenfalls Gäste“, sagt Andreas Müller. Beispielsweise sorgen nicht intuitiv gestaltete oder gar funktionsunfähige automatisierte Check-In-Möglichkeiten oder digitale Speisekarten, die nicht halten, was sie versprechen, für Unzufriedenheit. Maßgeblich in der Gastronomie und Hotellerie ist und bleibt das Persönliche. „Interaktion ist das A und O, daher ist unsere besondere Herausforderung, trotz Digitalisierung den Grad der Individualität und des Persönlichen auf einem hohen Level zu halten“, findet Andreas Müller. „In unserem Feld gibt es durchaus Bereiche, die man nicht komplett ‚durchdigitalisieren‘ muss, um sie zu optimieren. Man muss je nach Betriebskonzept gehen und die richtige Mischung finden“, resümiert Jürgen Kirchherr.

 

Weitere Infos unter www.intergastra.de


Schnell mal aufschlauen? Machen Sie es wie mehr als 75.000 Kollegen und holen sich den kostenlosen wöchentlichen Infobrief.

Hier eintragen und…

 
Diese Seite ist erreichbar unter: www.horeca-aktuell.de | www.foodservice-aktuell.de | www.foodservice-equipment.de | www.foodservice-equipment.net | www.foodservice-equipment.at | www.gastrotechnik-aktuell.de | www.gastrotechnik-aktuell.com | www.horeca-journal.de | www.horeca-journal.com